Karin Gruber

Karin Gruber ist eine Wiener Fotografin, deren Arbeit sich auf Menschen, Orte und gesellschaftliche Realitäten konzentriert. Ihr Schaffen umfasst Dokumentar- und Porträtfotografie, wobei ihr besonderes Interesse persönlichen Geschichten und den Räumen gilt, in denen diese sich entfalten. Im Rahmen des Wiener-Beiruter Gemeinschaftsprojekts „Lebanon – In a State of Unrest“ war sie im Libanon tätig und dokumentierte dort vielfältige persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Realitäten des Landes.

www.karingruber.com

Lebanon – In A State Of Unrest

„Ich bin Österreicherin und Libanesin, und ich liebe diese Gleichzeitigkeit.“

Für Michael gibt es zwei große Lieben – Wien und Beirut.

Mein Vater verließ den Libanon vor mehr als 40 Jahren – zu Beginn des libanesischen Bürgerkriegs. Als Kinder hörten wir immer: „Wir können jetzt nicht in den Libanon fahren, weil es dort Probleme gibt.“ In seinen Geschichten lag immer viel Wehmut. Er wollte, dass seine Kinder so wenig wie möglich mit dem konfrontiert wurden, was er durchlebte. Bei mir hatte das den gegenteiligen Effekt. Ich wollte verstehen, warum das Land so ist, wie es ist. Warum mein Vater weggegangen war. Warum sollte ich meine zweite Heimat nicht entdecken?

Zu Hause sprachen wir Deutsch, daher war das Erlernen der arabischen Sprache eine bewusste Entscheidung meinerseits. Ich war damals fünfzehn. Als ich 2011 zum ersten Mal mit meinem Vater in den Libanon reiste, war das sehr bewegend. Am Flughafen anzukommen, eine Familie zu sehen, die man nur aus Videoanrufen kennt, alle weinen zu sehen, zum Haus der Familie zu fahren und zu begreifen: Okay, hier kommt mein Vater her.

Von da an wuchs meine Liebe zu diesem Land immer mehr. Ich studierte Dolmetschen, um mein Arabisch zu perfektionieren, und absolvierte ein Praktikum bei der libanesischen Botschaft in Wien. Ich habe immer nach Wegen gesucht, mich intensiv mit dem Land auseinanderzusetzen. Diese Faszination ist zugleich ein Konflikt: Mit meinem europäischen Pass kann ich im Libanon ein ganz anderes Leben führen als viele Libanesen.

Als am 4. August 2020 der Hafen von Beirut explodierte, war die Nachricht ein unbeschreiblicher Schock. Wir wussten, dass Verwandte in der Nähe wohnten, und konnten stundenlang keinen Kontakt zu ihnen herstellen, bevor wir schließlich die Bestätigung erhielten, dass sie am Leben waren. Das war das erste Mal, dass ich nachvollziehen konnte, wie es für jemanden sein muss, der Familie in einem vom Krieg zerrütteten Land hat und dies nur aus der Ferne miterlebt. Die nächste Reise in den Libanon war entsprechend schwer: Das zerstörte Elternhaus zu sehen und gleichzeitig zu wissen, dass ich aus Wien anreiste und weit entfernt aufgewachsen war.

Durch meine Erfahrungen im Libanon ist mir bewusst geworden, wie großartig Österreich ist und in welch unbeschwerter Umgebung wir leben. Ein Land der Gesegneten. Wenn ich höre, wie sich die Leute in Österreich beschweren, denke ich mir: „Macht doch mal die Augen auf – ihr lebt in einem so tollen Land!“ Und gleichzeitig verspüre ich in Wien immer diese Sehnsucht nach dem Libanon. Es fühlt sich ein bisschen wie Heimweh an, obwohl ich nie das Gefühl hatte, nicht nach Österreich zu gehören. In meiner Brust schlagen zwei Herzen: Ich mag die österreichische Gelassenheit, den Humor. Und gleichzeitig bedeutet der Libanon für mich Magie. Im Moment ist es mein Wunsch, im Libanon zu leben – auch wenn ich hier jede Katze „Schurli“ nenne. (lacht)
(Schurli = Wiener Kosename für George)

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